Von blutigem Sport und dem größten Samenraub der Latex-Historie
Die Nutzung von Latex als Werkstoff geht weit über die Entdeckung des Materials als wasserabweisende Beschichtung für Kleidung im Jahr 1823 hinaus. Schon die Azteken und Maya wussten aus den Pflanzensäften zwei ihrer heiligen Pflanzen, dem Kautschukbaum und der Morning Glory Prunkwinde, eine Gummiverbindung herzustellen. Die je nach Mischungsverhältnis dazu genutzt werden konnte, die Sohlen von Sandalen zu verstärken und Bälle herzustellen. Die Gummibälle wurden zu Sportkämpfen eingesetzt, deren religiöser Hintergrund den Kampf von Licht gegen die Dunkelheit darstellen sollte und stets die rituelle Opferung von Athleten mit einbezog.
Bis zur Entdeckung des Latex Fetisch sollten nicht nur Menschenopfer die Verwendung prägen, sondern die Verwendung des Materials zur Herstellung von beschichteten Regenmänteln durch Charles Mackintosh, der sich seine Erfindung 1823 patentieren ließ. Die Entdeckung der Vulkanisierung im Jahr 1844 trieb die Nachfrage nach dem südamerikanischen Latex Saft in die Höhe. 1876 sollte Henry Wickham jedoch einen folgenreichen Angriff auf diese Monopolstellung ausführen, indem er 70.000 Hevea brasiliensis Samen aus dem Amazonas nach Liverpool schmuggelte. Er läutete die Globalisierung der Latex Produktion ein.
Die Etablierung von Latex als Werkstoff im letzten Jahrhundert
Unterdessen wurde die Verarbeitung von Latex durch verschiedene Hersteller weiterentwickelt und fand um 1920 herum zunehmend Verwendung und gesellschaftliche Anerkennung als wasserdichte Überbekleidung z.B. beim britischen Militär-, Bahn- und Polizeipersonal. Um 1957 entwarf John Sutcliffe das Flaggschiff des Latex Fetisch, den Catsuit. Jenes Kleidungsstück, dass den gesamten Körper umschmeichelt und bis heute die Grundlage einer jeden gut sortierten Latex Garderobe bildet. Die 1967 gegründete „Mackintosh Society“ fand zunehmend neue Interessenten, unter anderem durch ihren Newsletter für Mitglieder, der ab 1975 neben erotisch angehauchten Artikeln auch Bilder von Damen in Regenmänteln und leicht aufreizender Kleidung enthielt. Durch andere Fetisch Magazine wie „London Life“ oder „Bizarre“ war die spezielle Vorliebe für Latex bis dahin zu einem gesellschaftlichen Tabu geworden, welches als schambehaftet und normwidrig abgestempelt wurde. Die Ausübung von Latexfetisch stand dadurch umso mehr für die Ablehnung sexueller und sozialer Konformität, auch wenn sie, isoliert von der Außenwelt, im Privatleben der damaligen Kinkster verborgen blieb, als z.B. die Vorliebe für Leder und die dadurch entstandenen Communities.
Von einer modernen Erfolgsgeschichte mit stetig wachsendem Markt
Dennoch entwickelte sich aus dem Verborgenen heraus, weiterhin eine eigene Kultur und Community aus der steigenden Anzahl von Latexfans. Seit Mitte der 1970er wurden aus Latex gefertigte Produkte in Sex Shops zum Verkauf angeboten und verbreiteten sich weiter. Nach und nach eröffneten Latex Hersteller eigene Boutiquen oder wurden in Läden vertreten, die sich auf exzentrische Mode und diverse Fetischbereiche spezialisierten. Um die Jahrtausendwende etablierte sich der Onlinehandel und eröffnete einer neuen Generation von Latexmanufakturen und Herstellern die Möglichkeit, ein breiteres Publikum zu bedienen und auf dem Markt Fuß zu fassen. Spätestens durch international bekannte Blockbuster oder Musikvideos traten Outfits und Filmkostüme aus Latex und Lack in die öffentliche Wahrnehmung. Hier und das trugen Prominente diese aufreizenden Materialien zur Schau und mit dem Einzug in die Welt des Fashion Designs stieg das breitere Interesse daran.
Mittlerweile erfreut sich Latex immer größerer Beliebtheit und ist fester Bestandteil eines wachsenden Kleidungsmarktes und vielzähligen Großevents rund um den Globus. Das Thema Latex findet sich, wenn auch vereinzelt in den Archiven lokaler Zeitungen und anderen Medienhäusern und ist umso vielfältiger auf verschiedenen Social Media Plattformen vertreten. Ob als privates Hobby, Eventbekleidung oder im professionellen Rahmen, die Verwendung von Latex erlebt aktuell einen noch nie dagewesenen Aufschwung. Wer könnte es den Latexfreund:innen verdenken, dieses mystische und anschmiegsame Material erlaubt eine völlig neue Körper- und Selbsterfahrung.
Latex, ein Ritual für alle Sinne.
Latex ist für mich persönlich viel mehr als Bekleidung, um meinen Körper zu bedecken. Es ist der Kontakt mit allen Sinnen, der den Geist und die Seele anregt, wenn der süßliche Geruch des Materials einen Raum erfüllt, wenn der Catsuit nach und nach die eingeölten Beine hinauf wandert und am Ende meinen gesamten Körper umschließt. Ob Hitze oder Kälte, jede Temperaturschwankung und jede Berührung umschmeichelt die Haut auf eine transzendente Weise. Ob im Casual Style oder in Heavy Rubber, Latex erschafft eine mystische Eigenwahrnehmung des Körpers und ein unbeschreibliches Wohlgefühl, gleichzeitig verlangt es von seinen Besitzer:innen Fürsorge, volle Hingabe und so manches Ritual. Falls du nach diesem kleinen historischen Einblick Lust auf mehr bekommen hast, kannst du dich schon auf meinen nächsten Blogbeitrag über unser gemeinsames Lieblingsmaterial freuen oder eine Rubbersession bei mir buchen und dich in die geheimnisvolle Welt des Latex entführen lassen.