LVS im Lustwandel Podcast

18.05.2026

Kurz gesagt

Lady Velvet Steel, die Leiterin des BDSM Studio LUX, war zu Gast im Lustwandel Podcast. Sie erzählt über Sexarbeit, ihren Werdegang, ethisches Unternehmertum im Patriarchat uvm. Hör doch gleich selbst rein!

Sexarbeit als Expertise

Im März trudelte eine nette Email bei mir ein. Pia, eine der beiden Frauen die den Lustwandel Podcast betreiben, hat sich erkundigt, ob ich Lust habe eine Folge aufzunehmen.

Heyhey,ich bin Pia, Co-Host von Lustwandel, einem Podcast und Projekt über transgenerationale Prägungen weiblicher* Sexualität,  also damit, wie Lust, Begehren, Scham und Schweigen über Generationen fortwirken und welche kulturellen, gesellschaftlichen und psychologischen Mechanismen dabei eine Rolle spielen.

Genau mein Thema, also habe ich recht spontan zugesagt. Beim folgenden Gespräch zum Abklären offener Fragen hat sich dann herausgestellt, dass die beiden Podcasterinnen nur von unserem Kurswesen wussten, nicht aber vom Studio LUX. Ich liebe es ja den ganzen lieben langen Tag über BDSM und alle damit verbundenen Themen zu sprechen. Allerdings sind die Kurse nur ein winziger Teil meiner Arbeitswelt - und mein Herz brennt nun mal für die Sexarbeit.

Kundige Lesende wissen auch, dass unsere Kurse Teil des Studios sind, nicht andersrum. Dabei geht es mir darum, dass Sexarbeitende Expertise haben, vor allem aber nicht nur rund um die Themen Sexualität. Das wiederum fanden die beiden Hosts extrem spannend und so stand unserer Folge nichts weiter im Weg.

Die Folge

27. Sexarbeit als Expertise - mit Velvet von Studio LUX - auf Spotify

Ausgewählte Zitate

Definition Sexarbeit

Sexarbeit ist für mich ein sehr breites Feld, das alle Formen von sexueller und erotisierter, intimer Arbeit beinhaltet. Das fängt bei Striptease an, über Onlinearbeit, Webcam, Content-Produktion im Pornobereich, klassischer Sexarbeit also Full Service mit Geschlechtsverkehr, bis hin zu dem auch sehr weiten Feld der professionellen BDSM-Dominanz.

Über Stigmatisierung

Es gibt Vorstellungen und Fantasien über Sexarbeitende, Prostituierte und Huren, die sich sehr tief in dieses gesellschaftliche Bewusstsein eingebrannt haben. So weit sogar, dass die Betitelung unserer Nachkommen eine sehr drastische Beleidigung ist. Hurensohn ist immer noch eine sehr beliebte Beleidigung. Und das ist natürlich dieser Gedanke, der dahinter steckt: Huren sind angeblich schlecht für die Gesellschaft

Mancher Feminismus....

Die Hure ist nicht schuld. Schuld ist ein patriarchisches System, das auf eine bestimmte Art und Weise die Arbeitskraft von Frauen grundsätzlich abwertet, vor allem wenn es um Sexualität geht. Dann denke ich mir: Liebe feministische Kolleginnen, deine Solidarität hört an deiner Nasenspitze auf. Eigentlich sollten wir zusammenkämpfen.

Das Bordell als Ort der Expertise

Von Anfang an war das auch schon dieser politische Gedanke: Sexarbeit als auch ein wertvolles Gut für die Gesellschaft. Wir haben Wissen aus sexueller Interaktion, wir haben Wissen über eine wohlgestaltete Sexualität, über Erotik, über Intimität. Das ist ja einfach nur viel mehr als Hinhalten und so, sondern es ist eine richtige Gestaltungsebene, die da passiert.

Mein Appell

Menschen machen Sexarbeit aus den allerunterschiedlichsten Gründen, und ich muss die Gründe auch nicht gut finden. Aber bemüht euch bitte darum, erst mal herauszufinden, was den Menschen, die aus einer problematischen Situation in die Sexarbeit gehen, tatsächlich helfen würde – anstatt zu sagen, wir verbieten Sexarbeit. Die Ursachen sind sehr viel komplexer. Informiert euch, und überlegt, ob das, was ihr da vorgekaut bekommt, tatsächlich sinnvoll ist.

Vielen Dank, liebe Pia und liebe Maren, es hat mir Spass gemacht mit euch zu sprechen.

Häufige Fragen

Was ist eigentlich Sexarbeit – gehört BDSM dazu?

Sexarbeit ist ein sehr breites Feld, das alle Formen von sexueller und erotisierter, intimer Arbeit beinhaltet. Das fängt bei Striptease an, über Onlinearbeit, Webcam, Content-Produktion im Pornobereich, klassischer Sexarbeit mit Geschlechtsverkehr, bis hin zum sehr weiten Feld der professionellen BDSM-Dominanz.

Was ist der Unterschied zwischen Sexarbeit und Menschenhandel?

Wenn jemand unfreiwillig zu Dingen gezwungen wird, die diese Person nicht machen möchte, ist das keine Sexarbeit. Es gibt keine gezwungene Sexarbeit – es gibt Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung. Das ist eine enge Definition, die bestimmte Kriterien erfüllen muss und immer unter Zwang stattfindet. Dort hört es auf, Sexarbeit zu sein. Sexarbeit bedeutet Freiwilligkeit.

Was ist der Unterschied zwischen einer Domina und einer Bizarr-Lady?

Die klassische Domina versteht sich marketingtechnisch als jemand, der sexuelle Kontakte bei sich selbst eher ausschließt. Eine Bizarr-Lady schließt Erotik und Intimität in ihre Praxis mit ein – in welchem Spektrum genau, also ob sie nun Geschlechtsverkehr hat oder nicht, entscheidet sie selbst. Marketingtechnisch signalisiert der Begriff, dass erotischere Angebote und eine gewisse Form von Intimität im Service mit drin sind.

Welche Expertise bringen Sexarbeitende mit?

Sexarbeit bedeutet immer direkten Kundenkontakt – und der hat immer etwas mit Verhandlungen, Kommunikation und in diesem Fall mit einer sehr intimen, erotischen Kommunikation zu tun. Dazu kommt die Navigation unterschiedlicher Erwartungen und eine klare Setzung von Grenzen. Diese Bereiche der Kontaktaufnahme, Kommunikation, Verhandlung, Abgrenzung und Preisgestaltung – das haben alle Sexarbeitenden. Hinzu kommen Marketing, Selbstständigkeit, wirtschaftliches Denken und emotionale Arbeit auf hohem Niveau.

Was ist emotionale Arbeit in der Sexarbeit konkret?

Wie oft sitze ich in einem Vorgespräch mit Menschen, die mir erzählen, dass das das erste Mal in ihrem fünfundsechzigjährigen Leben ist, dass sie sich über ihren Kink unterhalten dürfen und auch trauen – und überhaupt langsam mal die Worte dafür finden. Sexarbeitende übernehmen sehr viel dieser erotischen Therapiearbeit, auch wenn sie keine Therapeutinnen sind.

Warum haben es kleine, selbstorganisierte Betriebe in der Sexarbeit so schwer?

Die bürokratischen Hürden sind enorm. Entweder beißt man sich eisern und stur durch – wenn man das leisten kann – oder man ist ein sehr großer Betrieb mit viel Geld in der Hinterhand und einer eigenen Rechtsabteilung. Alternative, kleinere Betriebe und Konglomerate von Sexarbeitenden, die zusammenarbeiten, haben es gerade extrem schwer. Kleine selbstorganisierte Wohnungsmodelle und WGs fallen durch die Legalität heraus, weil sie sich schlicht nicht mehr genehmigt kriegen.

Ist Sexarbeit feministisch oder nicht feministisch?

Sexarbeit als feministisch oder nicht feministisch zu bezeichnen ist der falsche Ansatz. Wie ich die Arbeit mache und ausgestalte, kann durchaus feministisch sein. Sexarbeit ist nicht inhärent antifeministisch – genauso wenig wie eine Bäckerin inhärent antifeministisch ist, weil sie für einen Bäcker arbeitet. Die Hure ist nicht schuld. Schuld ist ein patriarchisches System, das die Arbeitskraft von Frauen grundsätzlich abwertet, vor allem wenn es um Sexualität geht.

Hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Kink und BDSM verändert?

Ja, deutlich. Kinks gab es immer, aber sie wurden lange geächtet und ausgegrenzt – in Deutschland wurden Menschen dafür sogar als psychisch krank eingestuft. Mittlerweile ist BDSM sehr viel stärker in der Gesellschaft angekommen. Wir sind viel bereiter, über Machtverhältnisse, Dynamiken und Fetische zu sprechen und das lustvoll zu erforschen. Diese strenge Idee des einzig wahren SM aus dem goldenen SM-Handbuch klappt sich langsam zu – und das ist extrem positiv.

Warum helfen Verbote von Sexarbeit nicht wirklich?

Wenn ich möchte, dass Leute nicht in der Sexarbeit tätig sind, außer wenn sie das wirklich wollen, muss ich die Ursachen adressieren. Die sind: mangelnder Zugang zu Sozialsystemen, fehlender bezahlbarer Wohnraum, unzureichende Unterstützung von Alleinerziehenden, von pflegenden Angehörigen, von Menschen mit Behinderungen, von Drogengebrauchenden. Sexarbeit zu verbieten adressiert keine dieser Ursachen. Die Antworten sind komplex, unbequem – und kosten Geld, das die Gesellschaft nicht bereit ist zu investieren.

Was empfiehlt Velvet zum Thema Sexarbeit zu lesen?

Zwei konkrete Buchempfehlungen: Warum sie uns hassen von Ruby Rebelde – das legt sehr genau dar, woher Sexarbeitsfeindlichkeit kommt, wie sie wirkt und wie tief sie strukturell verankert ist. Und im englischsprachigen Raum: Revolting Prostitutes, ebenfalls fantastisch und sehr empfehlenswert.