Nach „Cherry on Top“ lohnt sich vielleicht ein Blick auf das, was darunter liegt: auf das Unaufgeräumte, das Widersprüchliche, das nicht ganz Auflösbare von Intimität. Kaum etwas zeigt das so deutlich wie Spucke.
Spucke ist nie neutral. Sie ist banal und aufgeladen zugleich, selbstverständlich und tabuisiert. Sie gehört zu Küssen, Lust und Sprache und kippt oft genau dann in(s) Begehren_Ekelhafte, wenn sie sichtbar wird. Als glänzender Film auf der Haut, als Faden zwischen Mündern, als etwas Warmes, das plötzlich nicht mehr im Moment aufgeht, sondern als Substanz spürbar wird. In diesem Moment verschiebt sich die Wahrnehmung hin zu etwas, das schnell als zu nah, zu viel oder nicht mehr privat genug gelesen wird. Spucke markiert diese Grenze und überschreitet sie zugleich.
In queeren Kontexten tritt noch etwas hinzu. Spucke widersetzt sich der Idee von sauberen, kontrollierten und normierten Körpern. Für viele, deren Körper ohnehin als zu viel, zu sichtbar oder zu falsch gelesen werden, liegt darin eine eigentümliche Form von Aneignung. Nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Rohheit. Spucke ist nicht glatt und muss es auch nicht sein.
Gesellschaftlich ist ihre Bedeutung klar codiert. Spucken gilt als respektlos, Anspucken als Erniedrigung. Es ist eine Geste der Abwertung, der Distanzierung und der Macht. Gleichzeitig taucht Spucke immer wieder dort auf, wo Körperlichkeit demonstriert wird, etwa in Ritualen, in Sprache oder in Gesten von Zugehörigkeit. Sie oszilliert ständig zwischen diesen Bedeutungen.
Diese Ambivalenz wird besonders spürbar, wenn Spucke Grenzen überschreitet, zwischen innen und außen und zwischen Körpern. Beim Küssen bleibt sie meist unsichtbar und selbstverständlich. Sobald sie sichtbar gemacht wird, verschiebt sich etwas. Intimität wird konkreter, greifbarer und schwerer zu ignorieren.
Vielleicht lässt sich Spucke an dieser Stelle auch anders verstehen. Nicht nur als Grenzüberschreitung, sondern als etwas, das sich eindeutigen Kategorien entzieht. Sie ist weder klar innen noch außen, weder ganz ich noch ganz du. Sie bewegt sich zwischen Körpern, verbindet sie und löst ihre Trennung zumindest für einen Moment auf.
In diesem Sinne wird Spucke fast zu etwas Nicht-Binärem. Nicht als Identität, sondern als körperliche Erfahrung. Als Zustand des Dazwischen, der sich nicht eindeutig festlegen lässt. Spucke ist Übergang, nicht Zustand.
Dieses Dazwischen hat eine lange kulturelle Resonanz. Flüssigkeiten markieren oft genau solche Übergänge. In der Mythologie etwa trennt der Styx die Welt der Lebenden von der der Toten und verbindet sie zugleich. Er ist Grenze und Verbindung in einem. Auch hier entsteht Bedeutung nicht durch klare Trennung, sondern durch das, was dazwischen fließt.
Spucke funktioniert ähnlich. Sie ist kein stabiles Objekt, sondern etwas Bewegliches, das sich verteilt, vermischt und verändert. Und genau darin liegt eine queere Qualität. Nicht eindeutig zu sein, sondern Beziehung herzustellen, wo zuvor Trennung war.
Vielleicht ist sie deshalb auch schwerer zu kontrollieren. Spucke entzieht sich der Ästhetisierung. Sie lässt sich nicht vollständig inszenieren oder glätten. Sie ist sichtbar, körperlich und unmittelbar. Sie lässt sich nicht auf Abstand halten und zieht Körper näher zusammen.
Queere Perspektiven verschieben an dieser Stelle die Frage. Nicht was Spucke bedeutet, sondern wer diese Bedeutung festlegt. Kategorien wie Reinheit und Unreinheit, Ekel und Begehren sind nicht neutral. Sie sind historisch gewachsen, sozial reguliert und politisch aufgeladen. Spucke legt diese Ordnungen offen, gerade weil sie sich ihnen nicht vollständig unterordnet.
Im BDSM wird diese Instabilität nicht aufgelöst, sondern genutzt. Bedeutungen werden aktiv verhandelt. Spit wird dabei nicht nur zu einer Praxis, sondern zu einer Beziehung zwischen Kontrolle und Hingabe, zwischen Spiel und Ernst, zwischen Nähe und Macht.
Gerade weil Spit so aufgeladen ist, braucht es Aushandlung. Konsens ist keine Ergänzung, sondern Voraussetzung. Kommunikation, Vertrauen und Care bilden die Grundlage. Intimität entsteht nicht von selbst, sie wird hergestellt.
Spucke lässt sich schwer distanzieren. Sie ist unmittelbarer als viele andere Praktiken. Es gibt keinen klaren Filter, keine vollständige Inszenierung. Wer Spit in eine Szene bringt, bringt auch Verletzlichkeit an die Oberfläche. Sie wird sichtbar, spürbar und lässt sich kaum verbergen.
Für viele queere Menschen ist genau das kein Zufall. Erfahrungen von Beschämung, Abwertung oder dem Gefühl, zu viel zu sein, verschwinden nicht einfach. Aber sie lassen sich verschieben. In einen Kontext, der trägt. In eine Dynamik, die nicht entmächtigt, sondern gewählt ist.
So wird aus einer Geste der Erniedrigung nicht automatisch Empowerment. Aber die Möglichkeit dazu entsteht.
Spit ist weniger eindeutig, als es von außen wirkt. Es kann Dominanz ausdrücken oder Vertrauen. Oft ist es beides gleichzeitig. Es kann Distanz markieren oder Nähe herstellen. Es kann verletzen oder verbinden. Entscheidend ist nicht die Geste selbst, sondern das Verhältnis, in dem sie steht.
Vielleicht lässt sich Spit deshalb auch als eine Art Sprache verstehen. Eine Sprache, die nicht gesprochen wird, sondern zwischen Körpern entsteht. Im Blick, im Timing und im Einverständnis. Sie hat keine feste Bedeutung, aber eine sehr reale Wirkung.
Und vielleicht liegt genau darin auch ihre nicht-binäre Qualität. Nicht in einer klaren Aussage, sondern im Dazwischen. In dem, was sich nicht eindeutig zuordnen lässt. In dem, was fließt.
Queere Räume machen genau das möglich. Bedeutungen werden nicht festgeschrieben, sondern verschoben. Nicht alles wird umgedeutet, aber vieles wird neu lesbar.
Nicht jede Spit-Play-Szene ist politisch. Aber jede trägt die Möglichkeit in sich, es zu werden.