Trans-Sexarbeit: Wut und Freude

Kurz gesagt

Trans-Sexarbeit: Wut und Freude ist ein persönlicher Essay über Sexarbeit, der Erfahrungen mit transmaskuliner Sexarbeit zum Ausgangspunkt nimmt, um Machtverhältnisse innerhalb der erotischen Branche zu reflektieren. Der Essay argumentiert, dass Sexarbeit Arbeit ist und deshalb – genauso wie jede andere Form von Lohnarbeit – nicht losgelöst von gesellschaftlichen Machtverhältnissen verstanden werden kann. Er plädiert für mehr Repräsentation, ehrlichere Gespräche über Privilegien und strukturelle Ungleichheiten sowie für mehr Räume, in denen Menschen mit vielfältigen Körpern, Identitäten und Begehren sichtbar sein und sich freier entfalten können. Zugleich macht der Essay deutlich, dass Veränderung bereits stattfindet – durch den Mut und das Engagement von Sexarbeiter:innen, die zunehmende Sichtbarkeit nichtnormativer Dienstleister:innen und immer mehr marginalisierte Klient:innen, die ihren Platz in der Erotikbranche einfordern.

Ich schreibe aus meiner Arbeit heraus – aus Sessions, aus Nachrichten, aus Gesprächen mit Klient:innen, Kolleg:innen und Freund:innen, aus den kleinen und manchmal fragilen Räumen, in denen sich etwas verschiebt.

Als queerer transmaskuliner BDSM-Dominus bewege ich mich in einer Branche, die weder für mich noch für viele der Menschen, die mir wichtig sind, geschaffen wurde. Und dennoch erlebe ich immer wieder Momente, in denen sich etwas öffnet: in denen sich Klient:innen zum ersten Mal angesprochen fühlen, in denen Wünsche überhaupt erst sagbar werden, in denen Körper, die nie als zentral gedacht waren, plötzlich genau das sind.

Dieser Text entsteht aus dieser Spannung. Aus Frustration, aus Wut, aus Wiederholung, aber auch aus Neugier, Verbundenheit und der leisen, hartnäckigen Freude darüber, dass Dinge auch anders sein können, wenn auch nur für einen Moment.

Es ist keine neutrale Analyse. Es ist eine situierte Perspektive, geprägt von meiner Position, meiner Arbeit und den Menschen um mich herum. Vielleicht ein Rant. Aber auch eine Sammlung von Momenten, in denen sich etwas verändert und Freude und Liebe ihren Platz behaupten.

Foto: @inmensidadesfotografia

Sexarbeit ist Arbeit und Arbeit ist niemals neutral

Ein großer Teil des Aktivismus für Sexarbeiter:innen konzentriert sich darauf, Sexarbeit als Arbeit zu normalisieren und das völlig zu Recht. Denn selbst diese grundlegende Tatsache ist bis heute gesellschaftlich nicht allgemein anerkannt. Ich merke das in alltäglichen Gesprächen, daran, wie Menschen reagieren, wenn ich erzähle, was ich beruflich mache: am Zögern, an der Distanz. Kommentare wie „Aber du musst das doch nicht machen, oder?“ kommen oft sehr schnell. Ja, das ist wichtig. Sexarbeit ist Arbeit.

Gleichzeitig ist Arbeit unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen niemals neutral. Sie ist in kapitalistische Systeme eingebettet und von bestehenden Machtverhältnissen geprägt. Sexarbeit bildet hier keine Ausnahme. Sie ist Arbeit innerhalb eines Marktes und unterliegt denselben Dynamiken von Ungleichheit, Angebot und Nachfrage sowie Zugang wie jede andere Branche, nur dass sie deutlich stärker stigmatisiert wird.

Ich merke das ganz konkret in meiner eigenen Praxis: an den Anfragen, die ich (nicht) bekomme, an den Erwartungen, die Klient:innen mitbringen, und daran, wer sich überhaupt berechtigt fühlt, mich zu buchen. Manchmal zeigt sich das schon in Nachrichten, die zögerlich beginnen: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt dein typischer Klient bin …“ oder „Ich hoffe, es ist okay, das zu fragen …“ – kleine Vorbemerkungen, die bereits verraten, wer sich von Sexarbeit angesprochen fühlt und wer nicht.

Wenn Sexarbeit moralisch verurteilt wird, während die grundlegenden Strukturen von Lohnarbeit weitgehend unhinterfragt bleiben, wirkt das auf mich widersprüchlich. Wenn es tatsächlich um Ausbeutung geht, dann müsste diese Kritik Arbeit insgesamt betreffen. Stattdessen begegnet mir immer wieder etwas anderes: weniger eine strukturelle Kritik als vielmehr ein Unbehagen, das gezielt auf Sexarbeiter:innen projiziert wird, insbesondere auf diejenigen, die ohnehin marginalisiert sind.

Und das ist keineswegs abstrakt. Es zeigt sich ganz konkret in den Bedingungen, unter denen Menschen arbeiten: bei Polizeirazzien, in denen Sexarbeiter:innen – besonders migrantische Arbeiter:innen, trans Personen, Sexarbeiter:innen aus prekären sozialen Verhältnissen und Schwarze Sexarbeiter:innen und Sexarbeiter:innen of color – eher als Verdächtige denn als Arbeitnehmer:innen behandelt werden; in Situationen, in denen Betroffene Gewalt anzeigen und ihnen nicht geglaubt wird oder sie selbst kriminalisiert werden; bei Bordellkontrollen, bei denen Menschen aus Angst vor Bußgeldern, Registrierungsprüfungen oder Abschiebung versuchen, sich zu verstecken oder überstürzt zu gehen – und sich dadurch mitunter noch größeren Gefahren aussetzen.

Das sind keine Einzelfälle. Es sind Erfahrungen, auf die Sexarbeiter:innen-Kollektive und Interessenvertretungen seit Jahren hinweisen: Kriminalisierung und Polizeiarbeit machen Sexarbeiter:innen nicht sicherer, sondern verletzlicher.

Aus meiner Perspektive würde ein arbeiter:innenzentrierter Ansatz ganz anders aussehen. Er würde einen diskriminierungsfreien Zugang zu Gesundheitsversorgung bedeuten, einklagbare Arbeitsrechte, die Möglichkeit, sich zu organisieren, sicherere Arbeitsbedingungen und Unterstützungssysteme, die tatsächlich zugänglich sind. Er würde weniger Hürden schaffen – nicht mehr.

Denn genau das wird immer wieder deutlich:

Sexarbeiter:innen brauchen keine Rettung. Sexarbeiter:innen brauchen Rechte.
Foto: @inmensidadesfotografia

Normen bestimmen, wer gesehen wird und wer sich angesprochen fühlt

Die Erotikbranche spiegelt dieselben strukturellen Ungleichheiten wider, die wir überall in der Gesellschaft finden: patriarchale, klassistische, rassistische, cis- und heteronormative sowie ableistische Strukturen. Es gibt eine sehr klare Vorstellung davon, wer der oder die „Standardkund:in“ sein soll und das sind nicht queere Menschen, nicht trans Menschen, nicht behinderte Menschen. Dasselbe gilt für die Vorstellung davon, wer als „Standard-Dienstleister:in“ gilt.
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Das zeigt sich auf zwei Ebenen: darin, wer überhaupt als potenzielle:r Klient:in gedacht wird – und darin, wer langfristig und unter tragfähigen Bedingungen als Sexarbeiter:in existieren kann.

Auf der Seite der Klient:innen habe ich viele Gespräche mit queeren Menschen geführt, die mir erzählt haben, dass sie nie auf die Idee gekommen wären, Sexarbeit in Anspruch zu nehmen. Nicht, weil sie kein Interesse daran hatten, sondern weil ihnen nichts in dieser Branche vermittelt hat, dass dieses Angebot auch für sie gedacht sein könnte.

Ich erkenne das auch bei mir selbst. Bevor ich in diesem Bereich gearbeitet habe, habe ich mich nirgendwo wiedergefunden, weder als potenzieller Klient noch als Anbieter.

Deshalb gehört das Verlernen normativer Marketinglogiken inzwischen zu einem fortlaufenden Teil meiner eigenen Praxis. Wenn ich mir typische Erotikwerbung anschaue, sehe ich immer wieder dieselben Bilder, dieselben Formulierungen, dieselben Körper und Rollen, dieselben Annahmen. Ich lerne noch immer, in meiner eigenen Arbeit andere Wege zu gehen.

Ich spreche queere Klient:innen ausdrücklich an. Ich nenne sie – ich nenne uns. Ich behandle queere Menschen nicht als Ausnahme.

Und ich versuche, etwas sehr Einfaches zu vermitteln, das dennoch oft fehlt:

Du musst nicht auf eine bestimmte Weise aussehen.
Du musst dich nicht auf eine bestimmte Weise verhalten oder performen.
Und wir müssen keinem vorgegebenen Skript folgen.

Ich habe Sitzungen erlebt, in denen Menschen überrascht waren, dass wir einfach … aufhören konnten. Eine Pause machen. Reden. Neu aushandeln, wie es weitergeht. Eine Person sagte einmal fast entschuldigend zu mir, sie wisse nicht, ob sie es „richtig mache“. Dieser Moment ist mir im Gedächtnis geblieben. Er hat mir gezeigt, wie tief diese normativen Erwartungen verinnerlicht sind – gerade in einem Raum, der eigentlich von Intimität und gemeinsamer Erkundung geprägt sein sollte. Eine andere Person fragte mich mitten in einer Sitzung:

„Wäre es in Ordnung, wenn wir langsamer machen?“

… – eine Frage, die zeigt, wie tief wir verinnerlicht haben, Leistung über unsere eigenen Bedürfnisse zu stellen.

Für viele Menschen können schon scheinbar ganz grundlegende Fragen eine völlig neue (sexuelle) Erfahrung sein. Ich frage Klient:innen zum Beispiel, wie sie möchten, dass ich sie, ihren Körper oder bestimmte Körperteile bezeichne, welche Sprache sich für sie bestätigend anfühlt, welche neutral ist und ob es Begriffe oder Themen gibt, die tabu sind. Ich frage, welche Bezeichnungen oder Dynamiken sich für sie gut anfühlen und welche mit Unbehagen oder Dysphorie verbunden sind. Wir sprechen über Grenzen, über das Tempo, darüber, welche Art von Berührung oder Interaktion sich sicher(er) anfühlt und was vermieden werden sollte.

Ich habe erlebt, dass Klient:innen innehalten und sagen, ihnen seien solche Fragen noch nie gestellt worden. Dass sie noch nie ausdrücklich dazu eingeladen wurden, die Bedingungen ihrer eigenen Erfahrung auf diese Weise selbst zu bestimmen. Für manche verändert allein dieser Raum, in dem sie ihre Wünsche formulieren, Tabus benennen oder ihre Meinung während einer Sitzung ändern können, bereits etwas Grundlegendes. Er eröffnet die Möglichkeit, Intimität und Sexualität als etwas zu erleben, das gemeinsam gestaltet, ausgehandelt und fortlaufend an die Bedürfnisse aller Beteiligten angepasst werden kann.

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Es geht dabei nicht darum, Perfektion zu verkaufen oder alles „richtig“ zu machen, sondern darum, Unterschiedlichkeit zu normalisieren.

Wir können die Gedanken anderer nicht lesen, und Erfahrungen von Intimität sind immer spezifisch – geprägt von der eigenen Positionierung, der Biografie, von Trauma, dem Körper, individuellen Bedürfnissen sowie der jeweiligen Konstellation von Menschen, Zeit und Raum. Das bedeutet auch anzuerkennen, dass nicht immer alles nach Plan verläuft: Missverständnisse passieren, etwas kann sich plötzlich nicht mehr gut anfühlen, Grenzen können sich im Moment verschieben.

Für mich gehört dazu auch, mich von einer kapitalistischen Wettbewerbslogik zu lösen und stattdessen auf Austausch und gegenseitige Verantwortlichkeit mit Kolleg:innen und Freund:innen zu setzen. Sagen zu können: Hey, wie gehst du mit so etwas um? Hattest du schon einmal eine ähnliche Situation? Wie würdest du anders damit umgehen? Räume zu schaffen, in denen Erfahrungen geteilt, Fehler reflektiert und voneinander gelernt werden kann.

Anstatt anzunehmen, was Menschen brauchen, verstehe ich das als eine fortlaufende Praxis: fragen, zuhören und immer wieder neu anpassen. Wir begegnen einander nicht auf neutralem Boden – unsere Interaktionen sind von unterschiedlichen Privilegien und Diskriminierungserfahrungen geprägt. Safer(r) Spaces zu schaffen bedeutet deshalb nicht, Sicherheit garantieren zu können, sondern aufmerksam und ansprechbar für sich verändernde Bedürfnisse, Grenzen und Dynamiken zu bleiben, während sie entstehen.

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Was als „Sex“ gilt, ist nicht neutral

Normen prägen auch, was überhaupt als „Sex“ verstanden wird. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich gesehen habe, dass „Full Service“ in sehr engen, cis-heteronormativen Begriffen definiert wird – fast immer mit girl dick/ Penis-in-Vagina-/ Front Hole-/Boy Pussy-Penetration als zentralem Maßstab. Das impliziert, dass eine Session ohne genau diesen Akt nicht „vollständig“ sei, ganz gleich, wie vielfältig, intim oder kompetent das Spektrum der angebotenen Dienstleistungen tatsächlich ist.

Ich hatte schon Situationen, noch bevor eine Sitzung überhaupt begonnen hatte, in denen Klient:innen mich in ihrer ersten Anfrage fast entschuldigend fragten, ob das, wonach sie suchten, überhaupt als etwas gelte, das Sexarbeiter:innen anbieten. Oft leiteten sie ihre Nachricht mit Sätzen ein wie: „Das klingt vielleicht komisch, aber …“ Ich finde diese Frage sehr aufschlussreich, nicht über die Klient:innen selbst, sondern darüber, wie eng und normativ die vorherrschenden Vorstellungen von Sex und Intimität noch immer sind.

Vielleicht ist deshalb die spannendere Frage gar nicht, was als Sex gilt, sondern wer überhaupt definieren darf, was Sex ist und für wen. Sich von starren Definitionen zu lösen, eröffnet ein viel größeres Feld an Möglichkeiten: einen Raum, in dem Intimität nicht an einer Checkliste gemessen wird, sondern durch Neugier, Kommunikation und die konkreten Wünsche der beteiligten Menschen entsteht.

In diesem Sinne bedeutet „vollständig“ nicht mehr einen einzelnen sexuellen Akt, sondern etwas Relationales, etwas, das sich von Begegnung zu Begegnung grundlegend unterscheiden kann.
Foto: @inmensidadesfotografia

Materielle Realitäten: Spielzeuge, Räume und Repräsentation

Dieselbe Normativität zeigt sich auch auf ganz praktischer Ebene. Als ich begann, in verschiedenen professionellen Arbeitskontexten tätig zu sein, fiel mir auf, wie begrenzt die vorhandene Ausstattung oft ist. Es gibt zahlreiche Keuschheitskäfige für girl dicks/ Penisse, aber kaum oder gar nichts für andere Genitalkonfigurationen. Ähnlich verhält es sich mit dem Spiel mit Geschlechtsausdruck: Es wird überwiegend als Feminisierung gerahmt und vermarktet. Dadurch bleibt deutlich weniger Raum für Menschen, die bereits Weiblichkeit verkörpern und ihren Geschlechtsausdruck in andere Richtungen erkunden möchten. Androgyne Ausdrucksformen und trans Identitäten werden selten, wenn überhaupt, ausdrücklich mitgedacht.

Deshalb habe ich mein eigenes Setup bewusst anders aufgebaut. Ich habe in Spielzeuge und Ausstattung investiert, die für unterschiedliche Körper geeignet sind, in Schutzmaterialien wie dental dams sowie in Spielsachen, die vielfältigere Formen des Spiels ermöglichen. Nicht, weil das etwas Besonderes wäre, sondern weil es zur Grundausstattung gehören sollte. Ebenso bemühe ich mich bewusst darum, unterschiedliche Möglichkeiten in meiner Arbeit sichtbar zu machen, sei es durch Bilder, Beschreibungen oder die Art und Weise, wie ich über Sessions spreche. Das ist für mich kein abgeschlossener Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess des Lernens, Verlernens und Zuhörens.

Ich möchte, dass Menschen sich vorstellen können, selbst Teil dieses Raumes zu sein.
Foto: @seanpauldenny

Und ich sehe, wie kraftvoll das sein kann. Queere Klient:innen haben mir erzählt, dass allein der Anblick eines offen transmaskulinen BDSM Dominus etwas in ihnen verändert hat, dass dadurch eine Fantasie plötzlich möglich oder überhaupt erst legitim erschien.

Ich denke dabei auch an all meine Freund:innen in der Sexarbeit, die genau diesen Wandel verkörpern: behinderte, queere, neurodivergente, BIPoC, behaarte, vernarbte, asymmetrische, von Normen abweichende Körper – da, ohne um Zustimmung zu bitten. Dienstleister:innen, die viele Klient:innen tatsächlich brauchen.

Räume für Begehren öffnen

Ein großer Teil meiner Arbeit besteht nicht nur darin, Dienstleistungen anzubieten, sondern auch darin, Räume für Vorstellungskraft und Begehren zu eröffnen.

Viele meiner Klient:innen kommen mit Wünschen zu mir, die sich für sie selbst noch vage oder sogar unzugänglich anfühlen. Wünsche, die in keine bestehenden Kategorien passen. Manchmal wurden sie über Jahre hinweg unterdrückt, weil sie nicht mit normativen Vorstellungen von Geschlecht und/ oder Sexualität vereinbar schienen. Menschen sagen dann zum Beispiel: „Ich weiß gar nicht, wie ich beschreiben soll, was ich möchte.“ Oder: „Ich habe das noch nie laut ausgesprochen.“ Andere beginnen mit Sätzen wie: „Das ergibt vielleicht keinen Sinn …“ oder „Ich bin mir nicht sicher, ob es so etwas überhaupt gibt.“

Foto: @inmensidadesfotografia

Oft geht es dabei weniger um einen klar formulierten Wunsch als um ein Gefühl, eine Richtung oder eine Frage. Ein Teil des Prozesses besteht darin, diese Unsicherheit lange genug auszuhalten, damit überhaupt etwas Gestalt annehmen kann. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, diese Wünsche zu definieren, sondern darin, ihnen Raum zu geben, damit sie wachsen können.

Manchmal bedeutet das, Worte anzubieten. Manchmal bedeutet es, das Tempo herauszunehmen. Manchmal bedeutet es zu sagen:

Wir müssen noch gar nicht genau wissen, was das ist.

Und oft bedeutet es, sich behutsam gegen verinnerlichte Scham zu stellen.

Foto: Jasper J. Maurer | www.jasperjmaurer.com

Ungleichheiten zwischen Sexarbeitenden

Auf der anderen Seite prägen soziale Normen auf Seiten der Dienstleister:innen andere, aber eng miteinander verbundene Aspekte der Sexarbeit: wie Preise ausgehandelt werden, welchen Körpern Attraktivität, Kompetenz und Professionalität selbstverständlich zugeschrieben wird, wer deutlich mehr Arbeit leisten muss, um Sichtbarkeit und Anerkennung zu erhalten, wie Körper fetischisiert werden, wie Sexarbeiter:innen mit dieser Fetischisierung umgehen und sie mitunter strategisch für sich nutzen (können), und welche Veränderungen dennoch möglich sind.

Zunächst bestimmen gesellschaftliche Normen darüber, wer welche Preise verlangen kann. Wessen Dienstleistungen und Körper als selbstverständlich günstiger verfügbar gelten und für wen Klient:innen ohne zu zögern mehrere Hundert oder sogar Tausende Euro bezahlen. Preisgestaltung ist selbstverständlich nicht neutral, sondern spiegelt dieselben Hierarchien von Begehrbarkeit, Normativität und Macht wider, die die Branche insgesamt strukturieren.

Manche Dienstleister:innen wirken allein aufgrund ihres Körpers oder ihrer Geschlechtspräsentation bereits wie die „ideale“ Domina oder der „ideale" Dominus, deren Preise nicht infrage gestellt werden. Andere müssen ihre Kompetenz und ihren Wert immer wieder beweisen und werden entsprechend häufiger mit Preisverhandlungen oder Zweifeln an ihrer Professionalität konfrontiert:

“Andere bieten das billiger an …”
Foto: @inmensidadesfotografia

Die Tatsache, dass viele Sexarbeiter:innen nicht registriert sind, sich keinen rechtlichen Konflikt leisten können oder sich in prekären Aufenthalts- oder Staatsbürgerschaftsverhältnissen befinden, macht sie häufig vulnerabler dafür, bei Verhandlungen über Grenzen, Arbeitsbedingungen oder Preise ausgenutzt zu werden.

Zum anderen prägen dieselben gesellschaftlichen Normen auch, wie Körper und Identitäten fetischisiert werden. Innerhalb dieser größeren Strukturen erlebe ich das auch in meiner eigenen Arbeit sehr unmittelbar. Als transmaskuliner Dominus werde ich häufig nicht als das wahrgenommen, was ich tatsächlich anbiete. Ich erhalte Anfragen, die mich auf einen Trans-Fetisch reduzieren, anstatt meine BDSM-Kompetenzen anzuerkennen. Nachrichten von cis Personen wie „Ich stehe total auf transmaskuline Menschen“ oder „Ich hatte auch mal einen trans Freund“ sind oft als eine Art Beruhigung oder Offenheit gemeint, rücken jedoch meine Identität in den Mittelpunkt – und nicht meine Arbeit.

Foto: RAF & WAY | @rafandway1

Diese Dynamik betrifft nicht nur mich. Dasselbe Muster zeigt sich auch bei Kolleg:innen und Freund:innen, die BIPoC sind oder Behinderungen haben. Auch ihre Arbeit wird häufig durch Stereotype und Fetischisierung gefiltert, anstatt in ihrer ganzen Komplexität und fachlichen Kompetenz wahrgenommen zu werden.

Drittens ist mir wichtig zu betonen, dass Sexarbeiter:innen diesen Dynamiken nicht bloß ausgeliefert sind. Es kann eine legitime und strategische Entscheidung sein, das, wofür man fetischisiert wird, bewusst aufzugreifen und zu den eigenen Bedingungen zu monetarisieren. Das Problem ist nicht, dass solche Dynamiken existieren, sondern dass sie oft zur dominanten oder sogar einzigen Perspektive werden, durch die Menschen wahrgenommen und angesprochen werden.

An dieser Stelle kann ich lediglich den Film You Are Not a Regular von Silicone Pussy empfehlen, der die Lebensrealitäten migrantischer Sexarbeiter:innen in Berlin porträtiert.

Und schließlich sehe ich trotz all dessen auch Veränderungen. Immer mehr queere Klient:innen melden sich bei mir – manchmal mit Sätzen wie: „Ich habe nach jemandem wie dir gesucht.“ oder „Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich überhaupt angesprochen werde.“ Immer mehr nichtnormative Sexarbeiter:innen werden zu ihren eigenen Bedingungen sichtbar. Auch meine eigene Klientel hat sich im Laufe der Zeit verändert – und das erfüllt mich mit großer Hoffnung und Freude.

Was ich mir wünsche

Sexarbeit ist Arbeit – ja.
Sie ist Arbeit innerhalb einer Branche, die nach wie vor stark um cis-männliches heterosexuelles Begehren herum organisiert ist.
Von meinem Standpunkt aus wünsche ich mir etwas anderes.

Ich wünsche mir mehr queere Klient:innen.

Ich wünsche mir, dass der Zugang zu erotischen Dienstleistungen weniger von struktureller Ungleichheit bestimmt wird.

Ich wünsche mir erotische Räume, in denen queere, trans und andere marginalisierte Menschen keine Ausnahme sind, sondern selbstverständlich mitgedacht werden.

Ich wünsche mir eine Branche, die marginalisierte Menschen nicht als Nischen einbezieht, sondern ihre Normen, Ästhetiken und Machtverhältnisse grundlegend verändert.

Ich wünsche mir Spielzeuge und Studioausstattung, die die Vielfalt von Körpern widerspiegeln und nicht nur einen engen Kanon normativer Anatomien.

Ich wünsche mir eine größere Vielfalt an Geschlechtsausdrücken sowie an Kombinationen von Körper und Geschlecht in Pornografie, Werbung und den Medien.

Ich wünsche mir, dass Dienstleister:innen für ihre Fähigkeiten und ihre Expertise anerkannt werden und nicht (nur) auf identitätsbezogene Fetischkategorien reduziert werden.

Ich wünsche mir noch viel mehr ehrlichere Gespräche – zwischen Sexarbeitenden und darüber hinaus – über die eigenen Privilegien, Positionierungen und Verantwortlichkeiten, in denen wir einander wirklich zuhören, anstatt Gespräche in einen Wettbewerb um Opferstatus zu verwandeln

Ich wünsche mir, dass wir uns daran erinnern, dass wir gemeinsam stärker sind. Dass wir solidarische Beziehungen aufbauen, die auch Meinungsverschiedenheiten aushalten, Konflikte gemeinsam bearbeiten, statt einander vorschnell aufzugeben oder zu canceln.

Und ich wünsche mir, dass wir aufhören, uns selbst und einander dafür zu verurteilen, Pausen zu machen, Freude zu finden und auf unser Wohlbefinden und unsere Kräfte zu achten. Wir alle tragen unterschiedliche strukturelle Lasten mit uns, die nicht immer von außen sichtbar sind, wurden von unterschiedlichen Erfahrungen und Traumata geprägt und verfügen über unterschiedliche Ressourcen und Kapazitäten. Unsere Kämpfe müssen nachhaltig sein – und das können sie nur, wenn wir uns nicht selbst und einander ausbrennen.

Foto: @inmensidadesfotografia

Häufige Fragen

Um was geht es in diesem Artikel?

Trans-Sexarbeit: Wut und Freude ist ein persönlicher Essay des transmaskulinen Dominus Jamie Transboy_Dom. Ausgehend von den eigenen Erfahrungen reflektiert Jamie über Sexarbeit, Fetischisierung, Arbeit und Repräsentation und entwirft eine Vision für eine inklusivere erotische Branche.

Warum steht in diesem Artikel eine trans und queere Perspektive im Mittelpunkt?

Der Artikel beleuchtet Erfahrungen, die sowohl in gesellschaftlichen Debatten über Sexualität als auch innerhalb der Sexindustrie häufig übersehen werden. Er argumentiert, dass eine vielfältigere Repräsentation und das Hinterfragen normativer Vorstellungen sowohl Klient:innen als auch Dienstleister:innen zugutekommen.

Was ist Fetischisierung?

Fetischisierung bezeichnet den Prozess, bei dem eine Person auf einen einzelnen Aspekt ihrer Identität – etwa trans zu sein, eine Behinderung zu haben, Schwarz und/ oder queer zu sein – reduziert wird und genau dieser Aspekt zum eigentlichen Objekt des Begehrens wird. Anstatt die Individualität, die Fähigkeiten oder die Komplexität einer Person anzuerkennen, macht Fetischisierung sie zu einem Stereotyp oder einer Fantasie.

Das ist nicht grundsätzlich problematisch, wenn es damit übereinstimmt, wie Dienstleister:innen sich selbst präsentieren möchten oder welche Dienstleistungen sie bewusst anbieten. Viele Sexarbeiter:innen bauen ihre Arbeit gezielt um bestimmte Identitäten, Ästhetiken oder Kinks herum auf. Problematisch wird es jedoch, wenn Klient:innen ignorieren, was eine Person tatsächlich anbietet, und sie ausschließlich durch die Linse einer identitätsbezogenen Fantasie wahrnehmen. Dadurch werden ihre Arbeit und ihre fachliche Expertise auf dieses eine Merkmal reduziert.

Was bedeutet Privileg?

Privileg bezeichnet gesellschaftliche Vorteile oder bessere Ausgangsbedingungen, die Menschen aufgrund bestimmter Merkmale oder ihrer sozialen Position haben – oft, ohne sich dessen bewusst zu sein. Diese Vorteile müssen nicht bedeuten, dass jemand keine Schwierigkeiten erlebt. Sie bedeuten vielmehr, dass bestimmte Hindernisse oder Formen von Diskriminierung für diese Person nicht oder seltener auftreten.

Im Kontext dieses Artikels bezieht sich Privileg beispielsweise auf Faktoren wie Staatsbürgerschaft, Aufenthaltsstatus, race, Geschlechtsidentität, Behinderung oder Klasse. Diese können beeinflussen, wie sicher jemand arbeiten kann, (als) wie (begehrenswert) Kund:innen die Person wahrnehmen oder welche Möglichkeiten ihr wie leicht offenstehen.

Der Artikel plädiert dafür, ehrlich über die eigenen Privilegien, Positionierungen und Verantwortlichkeiten zu sprechen – nicht, um Menschen gegeneinander auszuspielen oder Leid gegeneinander aufzurechnen, sondern um strukturelle Ungleichheiten besser zu verstehen und solidarischer miteinander umzugehen.

Warum sind Diskussionen über Privilegien in der Sexarbeit wichtig?

Sexarbeiter:innen erleben die Branche nicht alle auf die gleiche Weise. Faktoren wie race, Staatsbürgerschaft, Behinderung, Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck, Genitalien, Klasse und Aufenthaltsstatus können Einfluss auf Sicherheit, Einkommen, Sichtbarkeit und den Zugang zu Möglichkeiten haben. Diese Unterschiede anzuerkennen ermöglicht ehrlichere Gespräche über Ungleichheit und Verantwortungsübernahme.

Warum ist Repräsentation in der Sexarbeit wichtig?

Repräsentation hilft Menschen zu erkennen, dass ihre Körper, Identitäten und ihr Begehren valide sind. Wenn Klient:innen auf Dienstleister:innen treffen, die eine größere Vielfalt an Geschlechtern, Körpern und Lebenserfahrungen repräsentieren, können sie sich eher eingeladen und gesehen fühlen und ihr Begehren mit weniger oder ohne Scham erkunden.